Über das Projekt
Bitte erzählen Sie uns von Ihrem Projekt in einer kurzen Zusammenfassung.
Krisen treffen auch Kinder – plötzlich, unerwartet und tiefgreifend. Ob Terroranschläge mit PKWs, schwere Unfälle, Brände, Todesfälle, Amokalarm oder Naturkatastrophen: Solche Ereignisse überfordern oft nicht nur die betroffenen Kinder und Jugendlichen, sondern auch deren erwachsene Bezugspersonen. Genau hier setzt das ehrenamtliche Kinder-Krisen-Einsatzteam an – ein bislang einzigartiges Angebot zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) von jungen Menschen im süddeutschen Raum.
Speziell geschulte Ehrenamtliche leisten vor Ort kindgerechte „seelische Erste Hilfe“. Sie begleiten Kinder und Jugendliche, stabilisieren sie in der Akutsituation und klären Erwachsene über altersgerechte Reaktionen auf traumatische Ereignisse auf (Psychoedukation). Dies hilft, kindliche Reaktionen besser zu verstehen und angemessen zu begleiten.
Das Projekt schließt die Versorgungslücke zwischen der unmittelbaren Notfallhilfe und weiterführender Therapie. Neben dem Erstkontakt erfolgen bis zu drei strukturierte Nachbetreuungen, um nachhaltige Stabilisierung zu ermöglichen. Das niedrigschwellige, ehrenamtlich getragene Angebot unterstützt nicht nur betroffene Kinder, sondern auch das professionelle und familiäre Umfeld – und stärkt so das Gemeinwesen in herausfordernden Momenten.
Welche Situationen oder Anlässe haben Ihr Projekt ausgelöst?
Der Kinder-Krisen-Einsatzdienst entstand aus wiederkehrenden Erfahrungen im Einsatz- und Betreuungsalltag des DRK: Immer häufiger wurden wir mit Notfällen konfrontiert, bei denen Kinder und Jugendliche akut psychisch belastet waren – etwa nach Schulbusunfällen, dem plötzlichen Tod eines Elternteils, Brandereignissen in Flüchtlingsunterkünften oder Fällen von plötzlichem Kindstod in Kitas. Auch tragische Vorfälle im eigenen Team machten den Mangel an kindgerechter Krisenhilfe deutlich.
Schnell wurde klar: Die bestehende PSNV-Struktur ist auf Erwachsene ausgerichtet – Kinder brauchen etwas anderes. In vielen Fällen baten Schulen, Polizei oder das Jugendamt gezielt um zusätzliche Unterstützung. Besonders geschätzt wurde, wenn in der Kinder- und Jugendarbeit erfahrene DRK-Kräfte in Krisenstäben mitwirkten, um gemeinsam tragfähige Maßnahmen für Kinder und deren Umfeld zu entwickeln – in der Akutphase ebenso wie in der Nachsorge.
Welche Ziele verfolgt Ihr Projekt?
Ziel des Projekts ist es, Kinder und ihre Familien über die Akutsituation hinaus psychosozial zu begleiten und nachhaltig zu stärken. Unser Team des DRKs unterstützt betroffene Kinder und Jugendliche kurz nach dem Ereignis, begleitet sie bei ersten Verarbeitungsschritten und vermittelt bei Bedarf an weiterführende Hilfen. Erwachsene Bezugspersonen werden altersgerecht über mögliche Reaktionen, Trauerverläufe und Unterstützungsangebote informiert – um Ängste abzubauen, Sicherheit zu vermitteln und die Handlungsfähigkeit zu stärken.
Ein zentrales Element ist der Einsatz kindgerechter Materialien in einfacher Sprache: Bilderbücher, Trauerliteratur, Stofftiere, etc. oder altersgerechte Merkblätter fördern das Verstehen, Ausdrücken und Verarbeiten des Erlebten. Durch Netzwerkarbeit und Öffentlichkeitsarbeit wollen wir das Konzept bundesweit bekannt machen – als Beitrag zur Etablierung nachhaltiger Kinderschutzstrukturen im Krisenfall.
Welche Schritte haben Sie bisher umgesetzt, um diese Ziele zu erreichen? Welche Zielgruppen sprechen Sie an und wie erreichen Sie diese?
Zur Umsetzung unserer Ziele wurde gemeinsam mit der Hochschule Ravensburg-Weingarten, dem Zentrum für Psychiatrie und dem DRK-Kreisverband Ravensburg eine fundierte Projektkonzeption entwickelt. Eine geeignete Freiwilligengruppe wurde ausgewählt und qualifiziert. Unter Leitung von Prof. Dr. Harald Karutz entstand ein Schulungsmodul zu kindlichem Krisenerleben, Selbstschutzstrategien und Stabilisierung. Ergänzend wurde praxisnahes Informations- und Einsatzmaterial erstellt. Ein starkes Netzwerk mit Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten, Leitstellen, THW, Schulen, Jugendamt und Traumaambulanzen wurde aufgebaut. Eine digitale Plattform bündelt Unterstützungsangebote.
Zielgruppen sind betroffene Kinder und Jugendliche, deren Angehörige sowie pädagogische Fachkräfte. Sie werden über Einsatzkräfte, Krisenstäbe, Netzwerke und Medien erreicht. Seit Projektbeginn erfolgen im Schnitt drei Einsätze pro Monat – mit wachsender Resonanz.